‚Der Name der Rose‘, oder war das etwa schon alles?

Seit ich-weiß-nicht-wie-vielen-Jahren wollte ich schon Kloster Eberbach besuchen. Woran der Film ‚Der Name der Rose‘ nicht ganz unschuldig ist, genauer gesagt – wenn schon ein Hollywood-Erzeugnis dieser Größenordnung quasi vor meiner Haustür entsteht, warum sich dann nicht den Drehort anschauen, ich meine – Leipzig ist sehr viel weiter von Frankfurt/Main entfernt und ich durfte bereits an genau demselben Platz stehen, an dem Nemo Nobody seine Anna nach langer Zeit der unerfüllten Sehnsucht in die Arme schloss – der Leipziger Hauptbahnhof ist ein denkwürdiger Ort, wenn man den Film ‚Mr. Nobody‘ mit Jared Leto und Diane Krüger in den Hauptrollen genauso liebt wie ich 🙂

Doch es geht hier nicht um erfüllte oder unerfüllte, wunderbar in Szene gesetzte Liebesgeschichten, sondern um eine mittelalterliche Mordserie, in der ein ehrwürdiger Sean Connery (für seine Verdienste um Schottland von Königin Elisabeth II. im Jahre 2000 zum Ritter geschlagen und seither Sir Sean Connery) und ein damals noch gar zarter Jüngling namens Christian Slater als Abgesandte des Franziskaner-Ordens auf Spurensuche gehen. Und zwar im knapp 900 Jahre alten Kloster Eberbach über Eltville am Rhein.
Natürlich nicht als Kloster Eberbach, sondern als italienische Cluniazenserabtei gekennzeichnet, wirkt es von außen leider nicht halb so monumental wie im Film. Genaugenommen wirkt es auf den ersten Blick gar nicht.
Groß scheint das Anwesen, ja. Und ästhetisch, wohl. Aber die mächtigen grauen Mauern sucht man vergeblich. Kunststück – wurde doch nur  im Inneren des Klosters gedreht…

Mönche? Vielleicht gibt es sie noch. Und so das der Fall ist, waren sie vielleicht sogar da. Aber nicht hier und nicht heute.
Hier und heute fand auf Kloster Eberbach eine Tagung/Präsentation namhafter Autohersteller statt, es wurde abgezäunt und umgeleitet – mit mittelalterlicher Romantik hatte das herzlich wenig zu tun. Sofern das Mittelalter – genaugenommen, das Jahr 1327 – überhaupt mit Romantik in Verbindung gebracht werden konnte…

Die Romantik im Sinne des Wortes lag aber trotzdem über dem Kreuzgang des Innenhofes, denn eine Hochzeit sollte stattfinden (oder hatte stattgefunden) – bei unserem Rundgang entdeckten wir nämlich ein strahlendes Brautpaar, das für eine Fotografin mal hier, mal dort posierte. Was uns allerdings wunderte – weder Hochzeits-, noch Tagungsgäste waren irgendwo zu sehen und schon gar nicht zu hören. Einzig Speisewägen waren unvorteilhafterweise für das Auge eines jeden Fotografen an den Wänden des Kreuzgangs geparkt und vereinzelt begegnete man kleinen Grüppchen mit kundigen Führern. Ehrlich – für einen sonnigen Freitag hatte ich mehr Ansturm erwartet. Erfreulich, dass ich mich geirrt hatte, doch immer schön der Reihe nach 🙂

Nachdem Herr und Frau M. – mein Göttergatte und ich selbstredend – aus dem Bus gestiegen und der überfüllten Parkplätze ansichtig geworden waren, ahnten wir schlimmes.  Durch das Portal schlendernd wurden wir aber eines besseren belehrt – kaum eine Menschenseele weit und breit.

Nach etwa einer halben Stunde reiner Spazier-Zeit wieder am Ausgangspunkt angekommen, gleiten fragende Blicke über das Areal – Wie jetze? Das war alles? Wo ist der Rest? Wo sind die Räume, die uns im Film so beeindruckt haben? Und was viel wichtiger war, falls vorhanden – wie kommt man dahin? Wo ist eigentlich die Kasse?

Wiederholtes Umherstreifen auf dem Gelände und das Öffnen von Türen, hinter denen des Besuchers neugierige Nase nichts zu suchen hat, brachten mich zwar über eine Wendeltreppe bis in den zweiten Stock eines Türmchens, der dem Service-Personal vorbehalten war, aber nicht ans Ziel unserer Wünsche – nämlich die mittelalterliche Luft des Klosters im Sinne einer geistigen Zeitreise zu schnuppern. Enttäuschung machte sich breit. Und dafür machte man so ein Gedöns?

Einen letzten Rundgang unseres mehr als dürftigen Besuches in der auf dem Anwesen befindlichen Vinothek als Finale bereits beschlossen, kamen wir auf dem Weg zum Ausgang schließlich an einem unscheinbaren Portälchen vorbei – der Eingang in die heiligen Hallen und die Kasse – Heissa! Es versprach doch noch, spannend zu werden!

Hinter dem vielversprechenden dunklen Gang, ausgestattet mit einem unromantischen Drehkreuz plus Münzautomat der Neuzeit, offenbarte sich uns der ominöse Kreuzgang, auf den ich mich ganz besonders gefreut hatte. Ich weiß nicht, warum mir meine Fantasie gerade hier einen Mega-Streich gespielt hat, aber auch der Ort des Friedens, wo die Mönche in meditativer Stille – so glaubte ich – umherwanderten, war nichts weiter als ein gepflegter Rasen, umgeben von restaurierten Mauern und dezent gesetzter Bepflanzung von Bäumen, die neben den überdachten Gängen Schatten spenden.

Wunderschön anzusehen, eine Augenweide gar. Aber nicht das, was ich – mal wieder – erwartet habe. Weshalb es mich wohl sogleich zu allen möglichen offenen Türen zog, die den Kreuzgang säumten und – endlich! – ins Innere des Klosters führten. Und Leute – hier wurde ich nicht enttäuscht!  Deshalb werde ich ab jetzt auch demütigst schweigen und nur noch das nötigste sagen. Eins vielleicht noch: Die stürzenden Linien auf einigen der Bilder bitte ich zu entschuldigen. In Ermangelung eines sündhaft teuren Tilt & Shift-Objektivs gelang der Versuch der Begradigung mittels eines kleinen Progrämmchens oftmals nur mäßig, so dass ich weitgehend ganz darauf verzichtet habe.

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Der Kapitelsaal…

… trat im letzten Drittel des Film in Erscheinung. Der Saal wurde zu einem geschlossenen Raum umfunktioniert, in dem der theologische Disput abgehalten wurde, zu dem William von Baskerville (Connery) und sein Novize Adson von Melk (Slater) ursprünglich angereist waren.
Die überbelichtete Außenmauer auf Bild 1 ist übrigens weniger eine bearbeitungstechnische Spielerei, als vielmehr ein Glückstreffer. Mir gefällt’s 😉

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Die Basilika…

…ist wohl die größte Kirche (Innenraum), die ich bislang gesehen habe! Ausgenommen der Fuldaer Dom vielleicht… Ich habe auch noch nie eine schmucklosere Kirche gesehen. Aber genau das macht diese hier so besonders. Allein, sich innerhalb dieser – zugegeben arschkalten! – Mauern aufhalten zu dürfen, war die Reise nach Kloster Eberbach wert!

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Ein Lese/Schreibzimmerchen, möglicherweise ursprünglich eine Abtskammer, die jetzt als dekorativer Stauraum genutzt wird. Das Kreuz mit dem Rundbogen war für die Dreharbeiten auf dem Altar der Basilika platziert worden.

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Das Dormitorium, sprich, der Schlafsaal der Mönche…

… wurde für ‚Der Name der Rose‘ kurzerhand in das Skriptorium (Schreibsaal) umgewandelt, wodurch sich die Weitläufigkeit des wirklich riesigen Saales verlor. Was mit Sicherheit beabsichtigt war. Vermutlich wurde nur die vordere Hälfte (die mit der Draufsicht auf die beiden Türen, Bild 4) für den Dreh genutzt.

Das Bildrauschen in Bild Nr. 5 ist bei der Nachbearbeitung am Computer entstanden. Normalerweise unerwünscht gefiel mir der Effekt aber so gut, dass ich es sogar noch einen Tick verstärkt habe. Eine kleine kreative Spielerei also 🙂

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Der Weinkeller

Ein wunderbares Gewölbe. Das Filmteam ließ hier (Bild 3) zweckentfremdeterweise die heilige Inquisition über Salvatore, Remigius und dem Mädchen richten.

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Das Laienrefektorium

Hier stehen zwölf historische Weinpressen – ein atmospärisch dichter Raum, der auch Nicht-Fotografen in seinen Bann zieht. Auf Staffeln ausgestellt kann man hier noch zusätzlich Bilder des Dachstuhls und geheimer Gänge bewundern, die für den gemeinen Besucher aber – verständlicherweise – nicht zugänglich sind. Zu dumm, dass ich nicht daran gedacht habe, auch nur eins dieser Bilder abzulichten…

Das i-Tüpfelchen für die Linse eines jeden Fotografen wäre die Bibliothek im Turm des filmischen Cluniazenser-Klosters gewesen. Leider war diese wohl nur eine eigens für den Film aufgebaute Kulisse. Einem Labyrinth gleich erinnerte sie mich irgendwie an M.C. Escher’s berühmtes Werk ‚Relativität’…

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Fazit: ‚Der Name der Rose‘ ließ mich beim erstmaligen Anschauen nicht gerade in Begeisterungsstürme ausbrechen, obschon ich die Stimmung des Filmes mochte. Okay, eine leise Bewunderung für Sean Connery, der mit zunehmendem Alter an Attraktiviät gewann, konnte ich nicht abstreiten und mir gefiel Christian Slaters jungfräuliche Naivität, gekleidet in die schwere Kutte eines mittelalterlichen Novizen. Zu schade, dass diese Zartheit im Laufe der Jahre – und durch die Wahl seiner darauffolgenden Rollen – auf der Strecke geblieben ist…

Unser Besuch von Kloster Eberbach veranlasste mich, mir den Film in unserer Bibliothek vorzubestellen und ihn mir nochmal anzusehen. Heute, also 25 Jahre später, sehe ich ihn nicht nur der Kulisse wegen mit anderen Augen. Die Kulisse war es aber, der ich einen wundervollen Tag verdanke – mit seinem vielseitigen Angebot ist Kloster Eberbach ein Anziehungspunkt für Cineasten, Fans von mittelalterlicher Baukunst und dieser Ära im Allgemeinen, Weinliebhabern (die Weinberge des Klosters und deren Erzeugnisse besitzen legendären Charakter), Garten-, und Naturfreunden. Und für Fotografen ist es schlicht ein Traum!

Macht aber um Himmels Willen nicht denselben Fehler wie ich und steckt Euer Stativ ein! Ihr würdet Euch grün und blau ärgern, es angesichts solch großartiger Baukunst vergessen zu haben…

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~ von PeM - 28. Mai 2011.

9 Antworten to “‚Der Name der Rose‘, oder war das etwa schon alles?”

  1. Meine Liebe, das Warten hat sich gelohnt! Dein detailreicher und informativer Bericht hat mich so in den Bann gezogen, dass ich glatt Lust hätte, mir den Film anzukucken, von dem ich wohl nur mal Bruchstücke vor langer Zeit gesehen hatte. Am besten von all den tollen Bildern gefällt mir das letzte vom Laienrefektorium. Da hier keine Bilder aufgestellt sind, wirkt der Raum natürlicher. Auch der Weinkeller gefällt mir gut. Die Basilika hat etwas Monumentales. Toller Artikel! 😀

  2. Ein ausfuehrlicher Bericht ueber Deinen Besuch, fotografisch bestens dokumentiert. Meine Favoriten sind die Aufnahmen vom Weinkeller und alles andere was diese Lichtstimmung hat. Waere ich nicht in Suedamerika, ich wuerde sofort einen Besuch einplanen, natuerlich mit Stativ:-)

    saludos Ruediger

  3. Ganz wunderbare Lichtstimmung, toll eingefangen! Ich mag deine Berichte sehr!

    LG, Sandra

  4. Wah, so viele Bilder, wo soll man denn da anfangen 🙂 🙂
    Das erste ist mir gleich ins Auge gesprungen, ich mag die Symmetrie und vor allem diese Uhr! Und mich freut, dass du die Symmetrie auch später wieder auf gegriffen hast – besonders fällt es wieder auf in dem großen Bild, das du vom Dormitorium gepostet hast. Das und das erste Bild vom Weinkeller wirken auf mich sehr stimmungsvoll. Mit den tollen Details wie die Gemälde 🙂
    Ein sehr schöner Bericht auch ganz insgesamt! 🙂
    Liebe Grüße
    Der Point.

  5. Erst mal Recht Herzlichen Dank Euch allen!

    @Der Point: Määänsch, ich denke dauernd, was für’ne Uhr? Wo ist denn beim Kloster ’ne Uhr? Hat ’ne Weile gedauert, bis ich gemerkt habe, dass Du den ‚Laapzscher‘ Bahnhof meinst… jaja, es ist schon ein Kreuz, wenn man nicht mehr weiß, was man geschrieben hat *lach*

    Symmetrie: Herzlichen Dank auch dafür! Tatsächlich war ich ein bisschen überrascht, dass Du mir soviel Fachkenntnis zutraust, dass ich mit Symmetrien umzugehen weiß und diese bewußt anwende. Die Warheit ist, eigentlich weiß ich nichts davon, sondern ’schieße‘ aus dem Bauch heraus und nach Gefühl. Doch es ist ein sehr schönes Kompliment, Vielen Dank, Point! *freu*

  6. wunderschön!

  7. Ich glaube mein Lieblingsbild ist das vom Lese/Schreibzimmerchen, die Farbstimmung ist einfach toll und dann noch die Rundungen von Raum und Kreuzbogen. Ich mag aber auch sehr gerne das dritte Bild vom Dormitorium, da leuchten die roten Dachbalken so schön, fast so schön wie der Mohn im letzten Bild, den ich zur Zeit oft auf Wiesen und Feldern sehe und auch noch so gerne fotografieren möchte. Und wenn ich mir das alles so anschaue, muß ich mir wohl mal wieder ‚Der Name der Rose‘ anschauen 🙂

    • Herzlichen Dank, DieOla! Dieses Lese-Schreibzimmerchen sah in natura tasächlich aus wie eine Rumpelkammer, die nicht zur Besichtigung stand. Man kam nicht rein, die Gittertür war versperrt und es war düster und… ja, wirkte unfertig. Da half nur noch die nachrägliche Bearbeitung *lach*

      Mit dem Dormitorium hatten wir wirklich Glück, die Dachbalken heben sich farblich ohnehin sehr schön von dem offenen und hellen Saal ab. Die Sonne betonte das ganze dann noch.Und PhotoImpact 😉

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