Weichgespült, oder von der Notwendigkeit analoger Objektive auf digitalen Kameras

Als meine Schwiegermutter mir vor ein paar Monaten die alten Objektive (plus Kameras, aber die lassen wir mal außen vor *g*) ihres im März 2010 verstorbenen Ehemannes als Geschenk überließ, purzelbaumte mein fotografisches Anfängerherz sich ’nen Wolf.
Drei Stück an der Zahl, und zwar folgende:

Canon Lens FD, 35 mm, 1:2.8
Canon Lens FD, 135 mm, 1:2.8
Canon Lens FD, 50 mm, 1:1.8…

… 1.8! Meine bescheidenen Besitztümer beliefen sich damals grade mal auf ein Canon Standard 18-55 mm, 1:3.5-5.6 und ein Sigma 18-200 mm, 1:3,5-6.3, zu meiner Canon EOS 400D. Und jetzt hatte ich ein 1.8, WOW!
Okay, wir sprechen von analogen Objektiven, zudem Festbrennweiten, aber HALLO? Wir leben im 21. Jahrhundert, da gibt es für (fast) alles irgendwelche Adapter!
Den ich mir dann auch flugs besorgt habe, und zwar diesen hier >>>

Hochmotiv-iert stürzte ich mich ins festgebrannte Neuland, hatte ich doch gerade vom analogen 50er nur Gutes gehört. Ein Fotograf namens Nils beantwortete meine Frage, ob die Dinger denn was taugen, denn auch folgendermaßen: „Da haste was richtig gutes.“ Allerdings, so schränkte er ein, entfalten sich diese auf einer ebenfalls analogen Kamera erst so richtig, den Adapter könne ich also getrost vergessen. Ach was, dachte ich neunmalklug, das lass mal meine Sorge sein.

Die ersten Versuche gaben Nils allerdings recht und holten mich ganz schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Verwaschene Aufnahmen, Konturen an der Nullinie, ganz besonders mit dem ach so hochgelobten 50er – 1.8, diese absolut traumhafte Lichtstärke versagte auf der ganzen Linie. Bei 2.8 wurde es kaum besser, auch bei 4.0 stellte sich keine Freude ein. Und so tat ich, was ich sonst eigentlich selten praktiziere: aufgeben. Schwiegerpapa’s Objektive wurden für hood.de fotografiert und verschwanden im Schrank. Das war vor ziemlich genau einem Jahr.

Ca. ein halbes Jahr später, im Herbst 2010, erinnerte ich mich ein zweitesmal an Vadderns Erbschaft. Nach exzessiven Testläufen in buntbeblätterten Waldabschnitten blieb das Ergebnis enttäuschend. Einzig eins blieb übrig, das man mit etwas gutem Willen als ’nett‘ bezeichnen konnte. Sofern man es aus der Sicht einer träumenden Person betrachtet…

Ich glaube, es war Colognelia, die dann sinngemäß sagte, daß das Objektiv durchaus brauchbar sei, wenn man eine solche Stimmung wünsche…

Am 1.Mai, ein weiteres halbes Jahr später – Tag 1 nach dem 365 Project – nahm ich zumindest die zwei kleinen nochmal zur Hand. Die Jagd nach dem täglichen Blogbild war beendet und ich hatte Zeit. Nicht, daß mir diese Jagd fehlt, aber ein Tag ohne Kamera ist ein verlorener Tag, wenn die Sonne uns so reich mit Wärme und natürlichem Licht beschenkt. Also Testbrille aufgesetzt und raus in den Park.
Das Ergebnis war immer noch dasselbe, jedoch hat sich wohl meine Perspektive geändert. Die Bilder, geschossen mit dem analogen 50er bei Lichtstärke 1.8 wirken immer noch verwaschen und unscharf, haben aber tasächlich etwas verwunschenes, wie Colognelia anmerkte, etwas… traum-haftes.
Hier die Ergebnisse:

Der Weichspül-Effekt kann für eine bestimmte Bildaussage also durchaus von Nutzen sein, wie ich finde. Doch das ist noch nicht alles. Hatte ich damals bei Blende 4.0 die Flinte ins Korn geschmissen, habe ich mich gestern nochmal eingehend damit beschäftigt, will sagen, jeweils ein Bild von einem Motiv von 1.8 bis 22, bei ISO 100. Erst mit dem 50er, dann mit dem 35er, welches ja bei 2.8 beginnt.

Vielleicht sollte ich noch erwähnen, mit welchen Kamera-Einstellungen ich ans Werk ging: AV, ISO 100, Weißabgleich auf ‚Tageslicht‘, Belichtungskorrektur voreingestellt (mittig) gelassen. Die Blendeneinstellungen sind am Objektiv vorzunehmen, fokussieren muss man auch manuell. (Der Blendenwert bei analogen Objektiven wird in den Meta-/Exif-Daten der digitalen (Canon) Spiegelreflexkameras und auf dem Display immer mit 0, bzw. 00 angezeigt.)

Das 50er legt ab 5.6 mächtig vor und die Schärfe nimmt bei den kleineren Blendenwerten (hohe Zahlen)  noch zu – bei ISO 100, wohlgemerkt! Mit großer Verblüffung stellte ich fest, daß ich bei einigen Aufnahmen sogar noch mit der Belichtung runtergehen konnte, teilweise bis zum Anschlag, ohne daß das Ergebnis in ein schwarzes Display uferte. Zudem sind die Farben meist knackig frisch (bei Blende 22 natürlich nicht mehr…), was sich günstig auf die nachträgliche Bearbeitung auswirkt. Der (unbearbeitete) Beweis:

Diese beiden Aufnahmen wurden übrigens mit dem 35er geschossen, welches sich ähnlich verhält wie das 50er, wobei mir zweiteres einen Tick besser erscheint. Es sind Bildausschnitte aus dem Original, keine verkleinerte Version also, bei der gewisse Bildschwächen nicht mehr sichtbar sind. Denn seien wir mal ehrlich – so manches Foto, das wir bearbeitet und verkleinert in unsere Blogs stellen, kann sich im Urzustand – und ich rede hier von jpg’s, nicht von RAW’s – kaum sehen lassen. Früher dachte ich immer, es läge an mir, ich bin zu doof, zu unfähig, zittere zuviel, was-auch-immer. Mittlerweile glaube ich aber, daß kein Fotograf dieser Erde seine Bilder so zeigt, wie sie im Urzustand aus der Kamera kommen, RAW mal außen vor gelassen. Wieso auch nicht? Nobody’s perfect, richtig?
Trotzdem würde ich zu gerne mal das Original eines Profis sehen, bevor wir es ausstellungsfertig im Internet bewundern können, aber ich glaube, jetzt schweife ich zu sehr ab, ich rede ohnehin schon zuviel…

Zum Leidwesen einiger von Euch bin ich aber noch nicht fertig, denn da wäre noch die Überbelichtung, mit der es nach den o.g. positiven Eigenschaften schneller geht, als man denkt. Doch selbst die kann man sich noch zunutze machen, sofern alle Komponenten zusammenspielen. Im Falle der Gänseblümchen – immer noch ISO 100, mit voreingestellter, also ‚mittiger‘ Belichtung, Blende 5.6 – wirkt die Aufnahme denn auch fast schon wie ein Gemälde. Das Weiß der Blätter ist zwar eindeutig zu grell geraten, erfreulicherweise reißt es aber nicht, oder so gut wie gar nicht, aus, wenn Ihr mal kucken wollt:

Ich bin also froh, dass ich die beiden Objektive (das 135er ist ein anderes Mal dran 😉 )  nicht über hood.de veräußert habe und freue mich darauf, die hohe Lichtstärke in der Dämmerung auszuprobieren. Sollten sie hier scheitern, juckt mich das wenig, denn wie die Beispiele oben zeigen, sind sie – für mich – dennoch nicht ganz wertlos. Immerhin haben viele Fotografen die Polaroids wiederentdeckt, andere sind mit Lochbildkameras unterwegs, also was soll das? Und nebenbei bemerkt, die sehen richtig klasse aus!

Worüber ich mich aber am meisten freue, ist mein verstorbener Schwiegerpapa, der jetzt wahrscheinlich zufrieden darüber, daß sein Equipment in der Familie bleibt, da oben auf Wolke 6 hockt (zu Wolke 7 hat’s noch nicht gereicht, denn er muss sich erst noch die Flügel verdienen *lach*), und mir mit den Worten zuprostet: „Darauf ’nen Obstler!“ 🙂

Fazit: Ich kann die einzelne negative Rezession bei amazon.de bezüglich des Adapters nicht nachvollziehen. Natürlich ersetzt eine analoge Festbrennweite auf einer digitalen Kamera, noch dazu mit einem Adapter, der locker drei bis vier Blenden klaut, kein passendes, digitales Objektiv. Wofür man, nebenbei bemerkt, ordentlich hinblättern muss, wenn man was ‚reelles‘ haben will. Extra kaufen, da bei toller Qualität fast geschenkt (wahrscheinlich ist der Adapter teurer…), weil heutzutage ein nur noch verschwindend geringer Prozentsatz analog fotografiert, lohnt nicht. Aber wenn einem schon so alte Dinger in den Schoß fallen, sollte man sich vorher 2 x überlegen, ob man sie in den Harz kickt, oder nicht doch lieber 60 Euro für den Adapter investieren sollte.
Das ist zumindest meine Meinung, folgt ihr nicht ungeprüft, denn jede/r Fotograf/in ist anders 😉

Liebe Grüße derweil
Eure Petra

Zum Abschluss noch ein paar Bilder, geschossen mit dem 50er, bei denen ich lediglich eine Stufe nachgeschärft habe:

PS: Dass ich mit den analogen Objektiven meines verstorbenen Schwiegervaters so zufrieden bin, muss noch lange nicht heißen, dass es alle anderen, die ebenfalls die Gelegenheit haben, analoge Linsen auf digitalen Kameras zu testen, auch sein müssen, siehe Adapter-Rezession amazon.de. Es sind meine ganz persönlichen Erfahrungen, ganz inividuell. Darüber hinaus spielen noch andere Faktoren mit, die zum gelingen, oder eben nicht-gelingen beitragen. Profane Dinge, wie Tageslicht, zum Beispiel, das je nach Tageszeit nie gleich ist… 😉

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~ von PeM - 3. Mai 2011.

11 Antworten to “Weichgespült, oder von der Notwendigkeit analoger Objektive auf digitalen Kameras”

  1. Na da hast Du Dir aber viel Mühe gemacht!
    Und irgendwie fällt mir da ein, daß ich auch noch eine alte analoge Spiegelreflex SAMT Objektiven auf dem Schrank liegen habe…. Ich glaub, ich muß auch mal fummeln 😉

  2. Wie schön, dass man jetzt wirklich von dir lesen darf!

  3. Viel Input von Deinen Erfahrungen mit den analogen Objektiven, liest sich wirklich gut.
    Habe da auch noch eine alte Canon AE 1 plus Objektive, ich spare mir aber die Versuche diese auf den Canon 50D zu testen. Die Gruende hast Du ja schon beschrieben. Wenn jemand natuerlich dieses testen moechte, warum nicht, es kommen ja schon akzeptable Ergebnisse dabei heraus, wie man sieht:-)

    saludos

    • Naja, wenn ich ’ne 50D hätte, würde ich diesen alten Dingern wohl auch eher weniger Beachtung schenken *lach*
      Was hast Du, ’ne alte Canon AE 1 ? Mensch, ich glaube, das ist dieselbe, die ich auch noch von meinem Schwiegerpapa habe!

  4. ich finde es toll dass du dir soviel arbeit gemacht hast dich da so auseinanderzusetzen. interessant, was für einen effekt das hervorruft, das hat wirklich etwas ganz eigenes.
    und grade da sie auch andenken an jemanden sind passt die wirkung ja fast ironisch gut…

  5. Einen wirklich interessanten Erfahrungsbericht den du hier geschrieben hast. Solche Objektive geben ja schon ein ganz anderes „Hand-Gefühl“, stabil, mit Zahlen drauf und so ganz ohne Autofokus, ich mag das. Deine Bilder gefallen mir sehr gut, haben wirklich erwas verträumtes an sich.

    • Die digitalen Objektive gefallen mir zwar besser, aber es hat was für sich, mal so ein altes auszuprobieren. Vor allem, wenn datt Dingen erst mal druffgeschraubt is: Huch, ist das wirklich meine Kamera, die is‘ so leicht und klein… *lach*
      Dankeschön, Claudia 🙂

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